Blog
10. April 2026KI im Alltag5 Min.

43 Kinder, ein Prompt

Wie KI mein Ehrenamt als Jugendtrainer verändert hat

Dienstag, 17:30. In einer Stunde stehen 43 Kinder auf dem Platz. Und ich habe keinen Plan. Buchstäblich. Zwischen dem letzten Meeting und dem Abholen aus der Schule blieb keine Minute zum Vorbereiten. Also mache ich das, was ich seit drei Monaten mache: Ich öffne meinen Trainingsassistenten.

Das Problem, das jeder Ehrenamtliche kennt

Ich trainiere eine E-Jugend im Fußball. 43 Kinder zwischen 9 und 10 Jahren — wir sind mehrere Trainer, aber die Vorbereitung bleibt trotzdem an jedem Einzelnen hängen. Manche Kinder wollen Messi sein, manche pflücken Gänseblümchen. Das Training soll altersgerecht sein, aufeinander aufbauen, Spaß machen — und trotzdem etwas vermitteln.

Eigentlich müsste ich das hinbekommen. Ich hab selbst Fußball gespielt, und nicht schlecht. Ich war Leistungssportler — Leichtathletik, deutscher Kader. Ich hatte Sport-LK, war Mentor in der Schule, habe AGs geleitet. Wenn jemand die Voraussetzungen mitbringt, ein ordentliches Jugendtraining zu planen, dann ich.

Aber Voraussetzungen sind nicht das Problem. Zeit ist das Problem. Wer es richtig machen will, sitzt schnell eine Stunde pro Training an Vorbereitung. YouTube-Videos schauen: Wie spielt man Rondo mit 9-Jährigen? Wie baut man eine Übungsreihe auf, die nicht im Chaos endet? Dazu die Jahresplanung: Welche Schwerpunkte setze ich in der Hinrunde? Wie bereite ich die Mannschaft auf die Hallensaison vor? Und dann die Eltern — die erwarten zurecht, dass ihre Kinder sich entwickeln. Dass das Training nicht jede Woche gleich aussieht. Dass der Trainer einen Plan hat.

Zwischen Vollzeitjob, Familie und dem, was vom Tag übrig bleibt, ist diese Stunde genau die Stunde, die es nicht gibt. Wie bei 1,8 Millionen anderen Ehrenamtlichen im deutschen Sport. Der DFB bietet Fortbildungen, Trainingsbausteine, Online-Seminare — alles gut gemeint. Aber es setzt voraus, dass du Zeit hast. Und genau die hast du nicht.

Die Konsequenz: Man fällt zurück auf das, was man kennt. Aufwärmen, Schüsse aufs Tor, Abschlussspiel. Jede Woche. Nicht weil man es nicht besser weiß — ich weiß es besser — sondern weil zwischen dem letzten Teams-Call und dem Anpfiff einfach nichts mehr reinpasst.

Ein Assistent, der den Kontext versteht

Also habe ich mir einen gebaut. Keinen generischen Chatbot, dem man alles von Grund auf erklären muss. Einen Assistenten, der meinen Kontext kennt: E-Jugend, 43 Spieler auf mehrere Gruppen verteilt, 90 Minuten, ein Platz, sechs Hütchen und ein paar Leibchen.

Ich sage: Schwerpunkt Passspiel, letzte Woche war Ballkontrolle. Er gibt mir eine komplette Einheit. Aufwärmen mit Ball (nicht ohne — die Kinder hassen Laufen ohne Ball). Zwei Übungen, die aufeinander aufbauen. Eine Spielform, die das Gelernte in Drucksituationen bringt. Abschlussspiel mit Provokationsregel.

Das Ganze in 30 Sekunden. Auf meinem Handy. Während ich im Auto sitze und auf die Kinder warte.

Was sich wirklich verändert hat

Es ist nicht die Zeitersparnis. Klar, statt einer Stunde Vorbereitung brauche ich 30 Sekunden. Aber das ist nicht der Punkt.

Der Punkt ist: Ich traue mich jetzt, Dinge auszuprobieren. Rondo-Varianten, die ich aus YouTube kenne, aber nie umsetzen konnte, weil ich nicht wusste, wie ich sie für 9-Jährige anpasse. Koordinationsübungen, die ich selbst nicht kannte. Spielformen mit drei Toren, die die Kinder zum Nachdenken zwingen statt nur zum Rennen.

Die Kinder merken den Unterschied. Nicht weil sie wissen, dass KI dahintersteckt. Sondern weil das Training abwechslungsreicher geworden ist. Weil es einen roten Faden hat. Weil der Trainer vorbereitet wirkt — auch wenn er es erst seit fünf Minuten ist.

KI im Ehrenamt: Das übersehene Potenzial

Wenn wir über KI reden, reden wir über Enterprise. Über Milliarden-Märkte. Über Produktivität in Konzernen. Aber 30 Millionen Menschen in Deutschland arbeiten ehrenamtlich. Trainer, Vorstände, Betreuer, Kassenwarte. Die meisten davon haben keine Ressourcen, keine Assistenten, keine Tools.

Ein Jugendtrainer, der bessere Trainings gibt. Ein Vereinsvorstand, der den Förderantrag nicht zum dritten Mal umschreiben muss. Eine Betreuerin, die für den Ferienlager-Elternbrief keine Stunde braucht. Das ist kein Milliardenmarkt. Aber es ist der Ort, an dem KI den größten Unterschied machen kann — weil die Alternative nicht ein teureres Tool ist, sondern gar keins.

Was ich daraus gelernt habe

Dieser Trainingsplaner war eines meiner ersten persönlichen KI-Projekte. Kein Client, kein Budget, kein Backlog. Nur ein konkretes Problem und die Fähigkeit, es zu lösen.

Und genau das ist es, was ich meinen Beratungskunden erzähle: Die besten KI-Projekte starten nicht mit einer Strategie-Präsentation. Sie starten mit einer Situation, in der jemand sagt: Das muss doch besser gehen.

Bei mir war es Dienstag, 17:30, ohne Plan auf dem Parkplatz. Bei Ihnen ist es vielleicht etwas anderes. Aber der Anfang ist immer gleich.

Was als Nächstes kommt: KICo

Aus dem Trainingsplaner ist eine Idee geworden. Wenn KI mir hilft — warum nicht auch den anderen Trainern? Meinen persönlichen Assistenten kann ich nicht einfach weitergeben. Die Prompts sind auf mich zugeschnitten, der Kontext ist meiner. KICo wird eine App, die genau das löst: Trainingsplanung für alle Ehrenamtlichen, die keine Zeit haben, aber den Anspruch, es trotzdem gut zu machen.

Coming soon. Weil gutes Training nicht davon abhängen sollte, wie viel Zeit nach Feierabend übrig bleibt.

— Philipp