Was gibt's heute?
Wenn Essenplanung mehr ist als ein Rezept
Montag, 16:30. Meine Frau und ich stehen in der Küche und schauen uns an. "Was gibt's heute?" Wir haben das Gespräch dreimal die Woche. Und dreimal die Woche endet es gleich: Irgendwas mit Nudeln. Oder Pizza bestellen. Nicht weil wir nicht kochen können. Sondern weil Essensplanung für unsere Familie ein Optimierungsproblem ist, das kein Kochbuch löst.
Wenn Essen kompliziert wird
Unser Sohn ist Autist. Das heißt nicht, dass er nicht essen will. Es heißt, dass Texturen eine Rolle spielen, die sich kein Rezeptbuch vorstellen kann. Nichts Matschiges. Nichts, was sich auf dem Teller vermischt. Bekannte Formen, vorhersehbare Konsistenzen. Dazu kommen Allergien — bei uns sind es mehrere der 14 EU-Hauptallergene. Und dann noch die Tochter, die plötzlich vegetarisch leben will. Und meine Frau, die Low-Carb versucht.
Normale Essenplaner scheitern schon beim zweiten Familienmitglied. Die kennen keine Autismus-freundlichen Optionen. Die wissen nicht, dass "Kartoffeln" als Wunsch nicht "jeden Tag Kartoffeln" heißt, sondern ein- bis zweimal als Beilage. Die verstehen nicht, dass "Auflauf" genau einmal am Wochenende bedeutet — weil das die Textur ist, die mein Sohn am Wochenende akzeptiert, aber nicht unter der Woche.
Eine App, die unsere Familie kennt
Also habe ich FamilienKoch gebaut. Eine App, in der jedes Familienmitglied ein eigenes Profil hat. Rolle, Allergien, Ernährungsweise, Vorlieben, Abneigungen — und bei Bedarf Autismus-freundliche Optionen: bekannte Texturen, keine Vermischung auf dem Teller, vorhersehbare Mahlzeiten.
Die KI dahinter macht keine zufälligen Vorschläge. Sie interpretiert semantisch: "Italienisch" bedeutet zwei bis drei Gerichte im italienischen Stil über die Woche, nicht jeden Tag Pasta. "Kartoffeln" heißt Beilage, nicht Hauptgericht. Und wenn mein Sohn dienstags Fischstäbchen akzeptiert, dann stehen dienstags Fischstäbchen auf dem Plan — weil Berechenbarkeit wichtiger ist als Abwechslung.
Vom Plan zur Einkaufsliste in Sekunden
Der Wochenplan generiert automatisch eine Einkaufsliste. Sortiert nach 13 Kategorien, zugeordnet nach Familienmitglied — Papa kauft bei GAMA Import die türkischen Spezialitäten, Mama beim REWE den Rest. Welchen REWE? Den mit barrierefreiem Zugang, kontaktloser Zahlung und den besten Öffnungszeiten. Alles via OpenStreetMap, ohne Google.
Und wenn Montag um 16:30 doch mal nichts geplant ist: "Was kann ich kochen?" — Zutaten eingeben, die noch im Kühlschrank sind, und die KI macht einen Vorschlag. Der funktioniert. Für alle.
9 Tage, 61.000 Zeilen Code
FamilienKoch ist in 9 Tagen entstanden. React Native, TypeScript, Claude als KI-Backend. 80% des Codes hat die KI geschrieben, 80% der Architekturentscheidungen habe ich getroffen. Vibe Coding in Reinform: Ich sage was ich will, die KI baut es, ich teste und verfeinere. 13 Iterationen pro Tag.
Das COCOMO-Modell schätzt den traditionellen Entwicklungsaufwand auf 18 Monate mit einem 10-Personen-Team. Kosten: zwei Millionen Dollar. Meine Kosten: neun Abende nach Feierabend und eine Claude-API-Rechnung, über die ich lieber nicht rede.
Warum das wichtig ist
Nicht wegen der Technologie. Sondern weil "Was gibt's heute?" die Frage ist, die jede Familie kennt — aber nicht jede Familie das gleiche Problem dahinter hat. Für die meisten ist es Bequemlichkeit. Für uns ist es Inklusion. Sicherstellen, dass unser Sohn essen kann, was auf dem Tisch steht. Dass niemand eine allergische Reaktion bekommt. Dass die Woche planbar wird.
Und ja — seitdem ist Montag um 16:30 entspannter. Wir schauen auf den Plan, statt uns anzuschauen.
— Philipp